Warum Digitalisierung nur wenig mit Technologie zu tun hat

Digitalisierung wird oft als technisches Projekt verstanden. Neue Software, neue Tools, neue Systeme. Doch die Wahrheit ist deutlich einfacher – und gleichzeitig unbequemer:

Ein schlechter analoger Prozess wird digital nicht besser. Er wird nur schneller schlecht.

Und manchmal sogar automatisiert schlecht. Effizient ineffizient, sozusagen.

Technologie ist nur die Bühne – nicht das Stück

Unternehmen investieren viel Energie in die Auswahl der „richtigen“ Anwendung. Cloud oder On‑Prem? SAP oder Microsoft? Low‑Code oder High‑Code?

Alles wichtige Fragen. Aber sie betreffen nur die Tapete, nicht das Haus.

Ein Prozess, der analog:

  • unklar,
  • umständlich,
  • widersprüchlich
  • oder historisch gewachsen ist,

wird digital exakt dieselben Eigenschaften behalten – nur eben mit Login‑Maske und Passwort‑Reset.

Digitalisierung ist Prozessarbeit, nicht IT‑Arbeit

Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Tool, sondern im Durchleuchten des Prozesses:

  • Welche Schritte gibt es wirklich?
  • Warum gibt es sie?
  • Wer hat sie erfunden? (Und lebt diese Person noch?)
  • Welche davon sind sinnvoll?
  • Welche sind einfach nur… Tradition?

Das ist der entscheidende Teil einer Transformation. Nicht die Technologie. Nicht die Plattform. Nicht die Architektur.

Die Technologie ist nur das Gefäss. Der Prozess ist der Inhalt.

Und wie wir wissen: Ein schönes Glas macht aus Essig keinen Wein. Aber es macht ihn dekorativer.

Warum sucht man dann Informatiker für Digitalisierungsprojekte?

Das ist die spannende Frage.

Viele Unternehmen suchen für Digitalisierungsinitiativen:

  • Informatiker
  • Wirtschaftsinformatiker
  • IT‑Projektleiter

Alles wertvolle Menschen. Aber sie sind nicht zwingend die Experten für Prozesslogik, Organisationsdesign oder Transformation.

Die Menschen, die man eigentlich bräuchte, wären:

  • Prozessfachleute
  • Organisationsentwickler
  • Strategiemenschen
  • Leute, die Muster erkennen und Komplexität reduzieren können

Also jene, die verstehen, wie Arbeit funktioniert, bevor sie digitalisiert wird.

Warum werden sie so selten gesucht? Vielleicht, weil Technologie greifbarer wirkt als Prozesslogik. Vielleicht, weil „Digitalisierung“ nach IT klingt. Vielleicht, weil es bequemer ist, ein Tool einzukaufen, als sich mit der eigenen Organisation auseinanderzusetzen.

Ich weiss es nicht. Aber es ist bemerkenswert, wie selten diese Frage gestellt wird. Fast so selten wie die Frage: „Brauchen wir diesen Prozess überhaupt noch?“

Das einfache Fazit

Ein schlechter analoger Prozess + die besten digitalen Tools = ein schlechter digitaler Prozess.

Ein schlechter analoger Prozess + Analyse, Hinterfragen, Vereinfachen + durchschnittliche Technologie = ein guter digitaler Prozess.

Digitalisierung ist kein IT‑Projekt. Digitalisierung ist ein Organisationsprojekt.

Und wer das versteht, spart Geld, Nerven, Zeit – und gewinnt zufriedene Mitarbeitende und Kunden. Und manchmal sogar ein bisschen Frieden im Team.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert