Die Lohnschere – und warum ein engeres Lohnband Wirtschaft und Menschen stärken könnte

Hast du dich schon einmal gefragt, warum der Verkäufer im Bioladen knapp 4’500 CHF verdient, während ein Abteilungsleiter in einer Softwarefirma locker das Vierfache nach Hause bringt? Gleiches Pensum, ähnliches Alter, völlig unterschiedliche Lebensrealitäten.

Die Standardantworten kennen wir: mehr Verantwortung, höhere Ausbildung, grössere Komplexität.

Und ja — das stimmt. Aber eben nur teilweise.

Verantwortung neu betrachtet

Verantwortung klingt nach Gewicht, Risiko, schlaflosen Nächten. In der Realität ist sie oft vor allem ein mentales Konstrukt: Manche Menschen tragen sie leicht, andere schwer. Sie ist nicht proportional zur Arbeitszeit, und schon gar nicht proportional zum Lohn.

Und wenn ein Abteilungsleiter einen Fehler macht, der Folgen für Mitarbeitende hat? Dann verlieren oft die Mitarbeitenden ihren Job — nicht der Abteilungsleiter. In vielen Fällen gibt es nicht einmal einen Eintrag im Zeugnis.

Verantwortung ist real. Aber sie ist keine Superkraft, die automatisch zig Tausend Franken zusätzlich rechtfertigt.

Ausbildung: Ja. Aber wie viel „mehr“ ist sinnvoll?

Natürlich verdienen Menschen mit Studium oft mehr. Das ist logisch und richtig.

Die Frage ist nur: Wie viel mehr — und auf wessen Kosten?

Wenn ein Programmierer 500 CHF weniger verdienen würde und dafür der Verkäufer im Bioladen 500 CHF mehr, hätte das für den Verkäufer einen enormen Effekt auf Lebensqualität, Sicherheit und Teilhabe. Für den Programmierer wäre es ein kleiner Einschnitt — aber kein existenzieller.

Es geht nicht um Gleichheit — sondern um ein engeres Lohnband

Mir geht es nicht darum, dass alle gleich viel verdienen sollen. Das wäre weder realistisch noch sinnvoll.

Die Frage ist: Muss die Lohnschere wirklich so weit auseinandergehen?

Nicht 4’000 CHF vs. 50’000 CHF. Vielleicht eher 5’500 CHF vs. 30’000 CHF.

Das sind immer noch grosse Unterschiede. Aber eben nicht mehr so grosse.

Und genau dort beginnt etwas Spannendes: Ein engeres Lohnband bringt Vorteile, die weit über „sozial sein“ hinausgehen.

Was ein engeres Lohnband bewirken könnte
  • Mehr Gemeinsamkeiten zwischen Menschen, die zusammenarbeiten.
  • Mehr Sicherheit für jene, die heute am unteren Ende kämpfen.
  • Weniger Anreiz für verzweifelte Diebstähle (ja, auch das gehört zur Realität).
  • Mehr Menschen mit Kaufkraft, die Geld wieder in die Wirtschaft zurückführen.
  • Mehr kulturelle Durchmischung, weil Lebenswelten näher zusammenrücken.
  • Mehr Motivation, weil Wertschätzung nicht nur verbal stattfindet.
  • Mehr Teamspirit, weil Unterschiede nicht mehr so extrem sind.
  • Mehr Loyalität, weil man sich gesehen fühlt — nicht nur gebraucht.

Das ist kein moralischer Appell. Das ist eine ökonomische und kulturelle Überlegung.

Worum es mir wirklich geht

Ich schreibe diesen Blog nicht als Essay über Gerechtigkeit — obwohl man das auch tun könnte. Die wirklich Reichen & Mächtigen werden wir ohnehin nie erreichen; das war in den letzten 2’000 Jahren nicht möglich.

Mir geht es um etwas anderes:

Wie fühlen sich Menschen, wenn sie etwas mehr verdienen würden? Was macht das mit Motivation, Kultur, Teamspirit und Zusammenhalt?

Vielleicht ist ein engeres Lohnband nicht sofort umsetzbar. Vielleicht ist es komplexer, als es klingt.

Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken, weil die Vorteile weit über „sozial sein“ hinausgehen. Sie betreffen die Wirtschaft, die Unternehmenskultur und vor allem die Menschen, die jeden Tag arbeiten.

Schluss

Am Ende geht es bei der Lohnschere nicht nur um Zahlen, Tabellen oder theoretische Modelle. Es geht darum, wie Menschen leben können — und wie sie sich dabei fühlen. Ein etwas engeres Lohnband würde niemanden über Nacht reich machen, aber es könnte etwas Entscheidendes verändern: Sicherheit, Zugehörigkeit, Motivation und den ganz normalen Alltag.

Vielleicht bräuchte es gar keine grosse Revolution. Vielleicht würde schon ein kleiner Schritt reichen, der Menschen wieder näher zusammenbringt.

Ein engeres Lohnband löst nicht alle Probleme. Aber es würde erstaunlich viele davon entspannen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert