Warum „schnell machen“ selten zu guten Entscheidungen führt

Es gibt ein Phänomen in der Arbeitswelt, das mich seit Jahren immer wieder schmunzeln lässt: Je näher ein VR‑Meeting rückt, desto mehr verwandeln sich gestandene Führungspersonen in eine Mischung aus Feuerwehrmann, Duracell‑Hase und PowerPoint‑Schleuder.

Plötzlich muss alles schnell gehen. Schnell entscheiden, schnell liefern, schnell noch ein paar Folien basteln. Als würde Geschwindigkeit automatisch Intelligenz erzeugen. Spoiler: tut sie nicht.

Und das Faszinierende: Die Menschen, die dieses Tempo erzeugen, sind oft sehr intelligent. Also warum verhalten sie sich, als würde der VR persönlich mit der Stoppuhr im Flur stehen?

1) Geschwindigkeit als Statussymbol

In vielen Organisationen gilt: „Wer schnell ist, viel leisten kann, der ist wichtig.“

Das führt zu Szenen wie:

  • „Ich habe das schon entschieden.“
  • „Ich habe das schon weitergegeben.“
  • „Ich habe das schon eskaliert.“

Alles innerhalb von 12 Minuten.

Tempo wird verwechselt mit Kompetenz. Dabei ist es oft nur ein Reflex — eine Art professionelles Zucken. Das ist die Statuslogik in ihrer reinsten Form.

2) Erwartungsdruck als Angstregulator

Der Klassiker: „Wir müssen das noch vor dem VR fertig haben.“

Warum? Weil jemand Angst hat, unvorbereitet zu wirken. Nicht, weil es sinnvoll wäre.

Druck nach unten ist oft nichts anderes als Selbstberuhigung nach oben. Eine Art emotionales Baldrian, nur weniger wirksam. Das ist die Druckreflex-Mechanik.

3) Belastbarkeit als Identitätsmarker

Es gibt Führungspersonen, die definieren sich über das Aushalten. „Ich kann viel. Ich halte viel aus. Ich bin belastbar.“

Herzlichen Glückwunsch. Ein Kaktus kann das auch.

Belastbarkeit ist kein Qualitätsmerkmal. Es ist ein Fitnessstudio fürs Ego, nicht für die Organisation. Das ist die Belastbarkeits-Illusion.

4) Qualität braucht Raum – und Raum braucht Mut

Gute Entscheidungen entstehen nicht im Sprint. Sie entstehen in:

  • Klarheit
  • Ruhe
  • Präsenz
  • Reflexion

Langsamkeit ist kein Luxus. Sie ist eine Führungsqualität. Aber sie braucht Mut — weil sie sichtbar macht, dass man gerade nicht weiss, was richtig ist. Und das ist für manche schwerer auszuhalten als ein 14‑Stunden‑Tag.

5) Warum wir trotzdem so weitermachen

Weil unsere Systeme historisch auf Geschwindigkeit gebaut wurden. Industrialisierung, Effizienz, Output. „Mehr“ statt „besser“. Das wird mit den neuen Technologien nicht besser, obwohl gerade die im Endeffekt, das Potential halten zum Zeit zu verschaffen.

Wir wissen heute mehr. Aber wir handeln noch wie damals. Nur mit besseren Laptops.

Ein leiser Schluss

Ich glaube nicht, dass Menschen absichtlich schlechte Entscheidungen treffen. Ich glaube, sie sind in Strukturen gefangen, die Geschwindigkeit und Belastbarkeit belohnen, Klarheit und Nachhaltigkeit aber bestrafen.

Vielleicht ist es Zeit für eine kleine kulturelle Hygiene: Weniger Tempo. Mehr Denken. Weniger Status. Mehr Substanz. Langfristig mehr Erfolg – versprochen.

Und vielleicht ist genau das der Raum, den ich mit meiner Arbeit öffnen möchte.

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